Die Titanic ist reich an kontroversen Themen: Der erbitterte Streit zwischen Lordisten und Anti-Lordisten erinnert daran, auch wenn er
inzwischen etwas abgeflaut ist. Und unter den strittigen Fragen ist das Wrack sicherlich nicht die unbedeutendste. Sollten die dort gefundenen Objekte geborgen werden
oder nicht? Die frühen Ausgaben von Latitude 41 zeugen von den starken und unterschiedlichen Meinungen. Hinzu kommen die Debatten um die Umstände der Entdeckung des
Wracks selbst. Debatten, die sich insbesondere um die ebenso verehrte wie umstrittene Persönlichkeit Robert Ballards drehen. Diesem Thema widmete sich Norbert
Zimmermann in seinem 2022 erschienenen Buch Der zweite Untergang der Titanic, einer Übersetzung eines 2014 auf Deutsch veröffentlichten Buches.
In diesem Buch macht Norbert deutlich, dass er sich damit nicht nur Freunde machen wird! Dennoch kann ich bezeugen, da ich das
Galadinner der British Titanic Society an seiner Seite verbracht habe, dass er ein angenehmer Zeitgenosse und ein sehr engagierter Enthusiast ist!
In diesem Buch geht er aber auf einige wichtige Kontroversen ein. Allen voran die Entdeckung des Wracks: Wie er aufzeigt, war Ballards
Bericht stark ausgeschmückt und inszeniert. Ballard ist ein Meister der falschen Bescheidenheit; er behauptet, Ruhm zu meiden, zögert aber nicht, die Entdeckungsszene
neu drehen zu lassen – die ursprünglich stattfand, während er schlief. Was die zahlreichen Bücher betrifft, die seinen Namen tragen, der mitunter zu einer Art
Markenzeichen geworden ist: Sie wurden oft von anderen geschrieben. Vor allem aber spricht Zimmermann Klartext: Ballard besaß wahrscheinlich bereits Informationen, die
es ihm ermöglicht hätten, das Wrack zu lokalisieren. Diese Tatsache wurde bereits von anderen Zeugen erwähnt, insbesondere von Paul-Henri Nargeolet, auf den wir später
zurückkommen werden. Doch vor allem lenkt der Autor unsere Aufmerksamkeit auf ein anderes Ereignis: Man kennt die Geschichte des exzentrischen Jack Grimm, der einige
Jahre zuvor versucht hatte, das Wrack zu finden, und stets erfolglos behauptete, er habe tatsächlich ein Propellerblatt gesichtet. Doch die Fotos des Titanic-Wracks
beweisen dies jedoch eindeutig.
Insbesondere die Aufnahmen von 1991 zeigen, dass tatsächlich ein Blatt des Steuerbord-Propellers fehlt. Zimmermann vermutet, dass es
durch die Kollision mit dem Eisberg abgerissen wurde – ein Punkt, den Lightoller selbst während der britischen Untersuchung ansprach. Hat Grimm damals also tatsächlich
ein Stück des Titanic-Wracks entdeckt, und sei es noch so klein?
Wie der Autor aufzeigt, versuchten Ballard und RMS Titanic Inc. mit allen Mitteln, die Fakten zu leugnen und änderten ihre Version der
Geschichte sogar regelmäßig. Ebenso zeigt Zimmermann, dass die Diskussion um die Beschädigung des Wracks durch Tauchgänge oft eigennützig ist. Ballard verteidigte das
Wrack gegen Plünderer und erhob immer wieder voreilige Anschuldigungen wegen Beschädigungen. Lange Zeit glaubte man beispielsweise seiner Version, die Statue der
Artemis aus Versailles im großen Salon, die er bei seinen ersten Tauchgängen auf dem Meeresgrund fotografiert hatte, sei verschwunden, vermutlich gestohlen worden.
Doch vor zwei Jahren wurde sie wiedergefunden, genau dort, wo sie hingehörte! Andererseits war hinter Persönlichkeiten wie Paul-Henri Nargeolet die Tendenz, die
Auswirkungen des Tauchens zu verharmlosen, deutlich ausgeprägt. Bereits in einer der ersten Ausgaben von Latitude 41 berichtete Olivier Mendez, er habe in den
Restaurierungslaboren der LP3 eine Uhr aus dem Funkraum gesehen, die vermutlich vom Wrack abgerissen worden war, was verboten ist. Jüngste Untersuchungen zum
Titan-Unglück zeigten, dass OceanGate nicht gezögert hatte, sehr nah am Wrack zu manövrieren. Man riskierte dabei, das Wrack zu beschädigen – vermutlich mit dem
Einverständnis des Mannes, der als Guide im Tauchboot diente. Kurz gesagt, wie Zimmermann betont, scheint in dieser Angelegenheit jedes Mittel recht zu sein: mehrfache
Änderungen der Version von Ballard, Anschuldigungen, die chronische Vertuschung durch die RMST … Ganz zu schweigen vom komplexen Zustand des Wracks!
Das Buch enthält zudem ein Glanzstück: die vollständige Abschrift von Paul-Henri Nargeolets offenem Brief an Robert Ballard, rund
zwanzig Seiten, die der Autor ausführlich kommentiert. Leser können sich zu diesen Passagen ihre eigene Meinung bilden. Insgesamt dürfte „Der zweite Untergang der
Titanic“ ein Nischenbuch sein. Im Selbstverlag erschienen, hat es kein besonders attraktives Format und hätte inhaltlich davon profitiert, etwas ausführlicher zu sein,
während einige Passagen entbehrlich wirken. Dies ist der Fall bei einem kurzen Kapitel über die Titanic 2 von Clive Palmer, von dem der Autor selbst gesteht, dass er
erwogen hatte, es zu streichen. In Bezug auf das Wrack ist das Werk von Eugene Nesmeyanov deutlich besser dokumentiert. Dennoch: Allein durch die Veröffentlichung des
offenen Briefes von „PH“ und auch deshalb, weil er ohne falsche Zurückhaltung viele Widersprüche und Inkohärenzen in den oft zu glatten Diskursen rund um das Wrack
aufzeigt, bleibt dieses Buch von Norbert Zimmermann ein wertvoller Beitrag zu diesen Debatten.